65191 Wiesbaden



Gefangene gegen Rechtsextremismus - Ein Theaterprojekt

Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner:
Christoph Hennet

Kontaktdaten:
Förderverein JVA Holzstr. e. V.
p. A. Ch. Hennet
Heinrich-Pette-Str. 2
65191 Wiesbaden
Tel: 0611-561827
Email:
www.foerderverein-jva-holzstrasse.de www.inbas.com/
projekte/
projekte_deutschland/
html/
d_pro103_jva_theater.html
  Durchführung:
Durchführungsort/e: Wiesbaden
Bundesland: Hessen
weitere Länder: -
Förderzeitraum: 09/2007-08/2010

Themencluster:
Arbeit mit rechtsextremistisch gefährdeten Jugendlichen

Unterthema:
Zeitgemäße Konzepte für die Arbeit mit rechtsextremistisch gefährdeten Jugendlichen

Hauptzielgruppe:
Männliche Jugendliche aus "bildungsfernen" Milieus mit Affinität zu Rechtsextremismus

Kurzbeschreibung:

Leitziele:
Hauptziel des Modellprojektes ist die Veränderung rechtsextremer, fremdenfeindlicher und chauvinistischer Einstellungen bei der auf Grund sozialer Benachteiligung und Devianz besonders gefährdeten Zielgruppe der jugendlichen Inhaftierten, um diese nach der Haftentlassung zu einem Leben in einer multikulturellen Einwanderungsgesellschaft zu befähigen. Sinnvoll und für diese Zielgruppe erforderlich ist es, Handlungsalternativen zu rigiden Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern ausprobieren zu können. Die Möglichkeiten einer kulturellen Intervention tragen dazu bei, dass neue Räume spielerisch erprobt werden, um sie nach der Entlassung handlungswirksam umsetzen zu können. Dies betrifft u. a. die Aspekte:
• Persönlichkeitsentwicklung im Sinn einer Stärkung der Ich-Identität
• regel- und rechtskonforme Lebensgestaltung
• Stärkung der Teamfähigkeit/ gemeinsame Konfliktlösungen

Handlungskonzept:
Das Konzept verknüpft einen geschlechtsbezogenen-biografischen Ansatz mit Theaterarbeit. Es greift Selbstdeutungen der teilnehmenden jungen Gefangenen auf, vor allem zu Männlichkeitsbildern. Konkrete biografische Erfahrungen gehen in die Konzeption der Stücke als konstitutives Motiv ein (z. B. Freundschaft, Verrat, Umsturz). Die Theaterarbeit ist dabei ein zielgruppengeeignetes Mittel, um Einstellungen und Konflikte spielerisch zu thematisieren und (Verhaltens-) Alternativen aufzuzeigen. Bezugspunkt des Theaterprojektes ist die Auseinandersetzung mit der Konstruktion des "Anderen" und mit der Gestaltung sozialer Nahbeziehungen, um so Perspektiv- und Rollenwechsel erproben zu können. Das Konzept ist präventiv angelegt und nähert sich dem Thema rechtsextreme Einstellungen auf indirektem Weg, indem es Perspektivwechsel fördert und Identität stabilisiert.

Dabei geht die Teilnahme an Proben und Aufführungen sowie die anschließende (biografische) Reflexion von Handlungen und Deutungen einer szenisch "perfekten" theaterförmigen Umsetzung vor. Dies hat den Vorteil, dass nicht die (Selbst-) Darstellungsfähigkeiten der Jugendlichen das entscheidende Auswahlkriterium abgeben, sondern ein pädagogischer/ demokratischer Bedarf in Verbindung mit der Arbeit im Team (Ensembleproben).
Bestärkt wird die Akzeptanz von Theaterarbeit in der JVA Wiesbaden durch externe Aufführungen durch das Theater peripherie (www.theaterperipherie.de).

Kooperations- und Netzwerkpartner:
· Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden
· Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik GmbH (INBAS)
· Dechow Freie Partner/ Interventionen (www.df-partner.de)
· Schultheaterstudio Frankfurt (www.schultheater-studio.de)

Erwartete Ergebnisse:
Im Projektverlauf sind zwei Theaterstücke realisiert worden. Die erste Produktion "Merlins Camp" nach "Merlin oder das wüste Land" von Tankred Dorst wurde als Ensemblestück mit Gefangenen inszeniert. Um eine größere Zahl Gefangener zu beteiligen und auf Fluktuation leichter reagieren zu können, konzipierte der Regisseur die zweite Produktion als fünfteilige Sitcom mit dem Titel "Die Allerletzten". Es ging dabei um eine siebenköpfige Schiffsmannschaft, die den Weltuntergang überlebt hatte und nun ihre Beziehungen untereinander zu regeln gezwungen ist (Motive waren u. a.: Anführer, Unzufriedenheit, Aufruhr, Umsturz, Suche nach Wahrheit, Rechtfertigungen). Die Teile wurden im zweiwöchigen Turnus gezeigt, das Publikum entschied über den Charakter der Fortsetzung (z. B. "Soll der Umsturz gelingen?"). Der fünfte Teil wurde im Hessischen Staatstheater der Öffentlichkeit präsentiert. Begleitend zu den Proben führt das Schultheaterstudio Frankfurt Workshops zur Improvisation und Körperbeherrschung durch, die Workshops dienen auch zur Rekrutierung des Theaterensembles.

Um eine Kontinuität zu den theaterpraktischen Aktivitäten herzustellen, organisiert das Theaterprojekt zusammmen mit der JVA-Schule Musikproben mit regionalen Musikgruppen und Aufführungen externer Theatergruppen.
Theaterarbeit soll in der JVA Wiesbaden dauerhaft etabliert werden. Bedingungen der Übertragbakreit werden mit anderen Haftanstalten im Rahmen von Implementierungs- und Transfer-Workshops diskutiert.
Als Ergebnis des Theaterprojekts liegt ein Leitfaden zur Einführung von Theaterarbeit im Jugendstrafvollzug vor, sowie eine übearbeitete Film-Fassung der Sitcom. Das Projekt ist auf DVD dokumentiert.