| Kontaktdaten: Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST e. V.) Hebelstr. 6 60318 Frankfurt am Main Tel: 030-21403273, 069-94437110 Email: www.zwst.org www.zwst-perspektivwechsel.de |
Durchführung: Durchführungsort/e: Thüringen Bundesland: Thüringen weitere Länder: - Förderzeitraum: 01/2007-12/2010 |
Themencluster:
Auseinandersetzung mit historischem und aktuellem Antisemitismus
Unterthema:
Zeitgemäße Konzepte für die Bildungsarbeit zum Holocaust
Hauptzielgruppe:
Multiplikatorinnen und Multiplikatoren
Leitziele:
Das vorrangige Ziel des Modellprojektes "Perspektivwechsel" besteht in der Unterstützung von pädagogischen Fachkräften, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in ihrem Umgang mit Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Die im Projekt erarbeiteten Trainingsansätze stärken das Problembewusstsein der Adressatinnen und Adressaten und fördern ihre Handlungskompetenzen im Umgang mit antisemtischen und fremdenfeindlichen Ressentiments. Dies erfolgt mittels selbstreflexiver und handlungsorientierter Beschäftigung mit den genannten Projektthemen aus aktueller Sicht. Den Projektadressatinnen und -adressaten soll damit die Möglichkeit eröffnet werden, die gewonnenen Erkenntnisse in ihre jeweiligen Berufsfelder zu integrieren. Ein besonders geeignetes Mittel dazu ist der Anti-Bias-Ansatz. Dem Ansatz liegt die Annahme zu Grunde, dass Diskriminierung nicht ausschließlich auf Vorurteilen Einzelner beruht, sondern vielmehr gesellschaftlich verankerte Bilder, Werturteile und Diskurse reproduziert. Das Ziel des Anti-Bias-Ansatzes in diesem Projekt ist es, die verschiedenen Dimensionen der Voreingenommenheit und Diskriminierung in ihrer alltäglichen Relevanz erkennbar zu machen und zugleich zur Veränderung individueller Einstellungen und Handlungsoptionen zu ermutigen.
Handlungskonzept:
Anti-Bias ist ein Ansatz vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Er wurde Anfang der 80er Jahre konzipiert und leistet seit Jahren einen wichtigen Beitrag in der Antidiskriminierungsarbeit. Die Essenz der Anti-Bias-Arbeit ergibt sich nicht nur aus dem Austausch subjektiver Erfahrungen. Vorausgesetzt sind die Reflexion von individuellen Wahrnehmungs- und Zuschreibungsprozessen, die Exploration von Fall- und Problemsituationen aus dem Alltag der Teilnehmenden sowie die Analyse ihrer Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten.
Die Seminaransätze folgen einer Übungsstruktur, die es ermöglicht, schrittweise zu neuen Erkenntnissen und Perspektiven zu gelangen und die gewonnenen Einsichten in Bezug zu den aktuellen gesellschaftlichen Diskursen zu stellen. Eine gezielt gewählte Vielfalt der Veranstaltungsformen und Vermittlungsstrategien bietet dafür den erforderlichen Rahmen. Die Entwicklung von Handlungskompetenzen im Umgang mit Vorurteilen und Diskriminierung jeglicher Form erfordert nicht nur die Reflexion individueller Einstellungen und Verhaltensweisen, sondern auch die genaue Analyse gesellschaftlicher Strukturen, die zu deren Stabilisierung beitragen.
Deshalb werden Multiplikatorinnen und Multiplikatoren motiviert, Zusammenhänge zwischen den gewonnenen Überzeugungen und den sozialen, kulturellen und politischen Realitäten für sich zu erschließen und kritisch hinterfragen zu lernen. Sie können ihre Kenntnisse erweitern und gemeinsam Interventionsmöglichkeiten erproben, die in ihrer Praxis zur Anwendung kommen können. Ein Grundprinzip des Anti-Bias-Ansatzes ist es, alle Ausgrenzungs- und Diskriminierungsformen ohne Hierarchisierung zueinander in Beziehung zu setzen. Dabei sollte dennoch im Blick behalten werden, dass jede Diskriminierungskategorie ihre eigene Geschichte hat.
Am Beispiel der Auseinandersetzung mit aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus ist es das herausragende Anliegen des Anti-Bias-Ansatzes, Mechanismen antisemitischer Einstellungen nachzugehen, indem die Teilnehmenden motiviert werden, sich sowohl ihren eigenen als auch den Vorurteilsstrukturen und Erfahrungen von anderen zu öffnen. So gesehen basiert die Auseinandersetzung mit Antisemitismus auf der selbstreflexiven Analyse tief verankerter Differenzmarkierungen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen. Im Fokus steht die Reflexion historischer Tradierungen und aktueller Ressentiments, die bestimmen, wie Juden heute wahrgenommen werden. Durch den Einsatz des Anti-Bias-Ansatzes kann die Motivation der Zielgruppe erhöht werden, sich mit schwierigen und negativ besetzten Themen - wie dem aktuellen Antisemitismus - aktiv zu befassen. Des Weiteren wird durch die Problematisierung tabuisierter antisemitischer Deutungsmuster der Zugang zu anderen politisch bedeutsamen Themen wie zum Beispiel Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit eröffnet.
Kooperations- und Netzwerkpartner:
Im laufenden Förderjahr (2010) werden bestehende Kooperationen verfestigt und viele neue Arbeitskontakte geknüpft. Durch die aktive Zusammenarbeit mit der Landesstelle für Gewaltprävention, dem ThILLM, dem PTI, der Wehrdienstberatung Thüringen, dem Landessportbund, regionalen Schulämtern und Schulen, diversen Trägern der Jugendhilfe, der Jugend- und Sozialarbeit, diversen runden Tischen und Bündnissen, regionalen Ausländerbeauftragten, dem Zentrum für Integration Erfurt sowie durch die Kooperationen mit einigen Landkreisen und Stadtverwaltungen wird eine intensive Zusammenarbeit ermöglicht.
Erwartete Ergebnisse:
Mit Hilfe des Anti-Bias-Ansatzes lässt sich das Problembewusstsein der Adressatinnen und Adressaten für die Aktualität antisemitischer und fremdenfeindlicher Ressentiments sowie die Einsicht in die Notwendigkeit einer anschlussfähigen Auseinandersetzung mit diesen Einstellungen stärken. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für aktive Reflexions- und Lernprozesse zu gewinnen sowie zum selbständigen Erwerb alternativer Kommunikations- und Handlungsformen zu ermutigen. Die Bereitschaft der Projektadressatinnen und -adressaten, die eingeübten Inhalte und Methoden in ihren beruflichen Praxen zu verankern, ist gestiegen. Die Integration der Projektidee im Bildungsbereich auf regionaler/ bundesweiter Ebene wird angestrebt.